Glaubenssätze beim Aufwachsen von Männern und Frauen

warum Gleichberechtigung uns alle frei macht

Feminismus als unbeliebtes Wort und was man im Allgemeinen über Feminismus glauben mag


„Feminismus“ ist in Deutschland kein sehr beliebtes Wort. Nur etwas über ein Drittel der deutschen Bevölkerung bezeichnet sich laut einer Umfrage als Feminist*in (1). Die anderen wollen „damit“ – und sei es nur mit dem Begriff – nicht in Verbindung stehen. Zu tief sitzt das Bild der verbissenen, übel gelaunten, humorlosen Feministin, die keine BH´s mag, ihre Achselhaare und Beinhaare aus Protest wachsen lässt und mit Männern so gar nicht kann.

Tatsächlich waren die ersten feministischen Strömungen geprägt von Radikalität. Strömungen, die bestehende Strukturen aufzubrechen versuchten, nutzten übrigens immer in der Geschichte als Instrument Radikalität. Als Beispiel sei die Suffragette-Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts zu nennen, die das Frauenwahlrecht in Großbritannien forderte. Frauen sorgten Anfang des 20. Jahrhunderts mit radikalen Mitteln wie Bombenanschlägen, eingeworfenen Fenster, Hungerstreiks festgenommener Frauen oder auch mittels dem Märtyrersuizid von Emily Davison beim Empson Derby 1913, dass ich nun heute als Frau die Möglichkeit habe zu wählen. Jedoch heiligt der Zweck auch nicht die Mittel.

Der Feminismus heutzutage ist ein jedoch ein anderer, als er einmal war und die Vertreter*innen auch. Wer an dem Bild der zänkischen und lustfeindlichen Feminist*in festhält, führt eine persönliche und keine inhaltliche Debatte und verzerrt die Mannigfaltigkeit feministischer Strömungen. Auch würde sich wahrscheinlich niemand so wie Emily Davison bei einem Pferderennen auf die Bahn werfen mit der Gefahr, dass sie getötet werden würde. Menschen mit einem so verstaubten Bild versäumen etwas. Denn wenn Männer und Frauen für Gleichberechtigung einstehen, gewinnen dabei alle, insbesondere die Männer.




Zuerst kommt das Wort




Im digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache steht unter Feminismus: „politische Bewegung, gesellschaftliche und geistige Strömung, die die Gleichberechtigung von Frauen sowie die Veränderung der traditionellen Geschlechterrollen und der männlich geprägten Lebensform und Kultur anstrebt“ (2).

Es geht also darum, Männern und Frauen gleiche Rechte und Möglichkeiten zuzusprechen und einengende Geschlechterrollen aufzubrechen. Nicht mehr und auch nicht weniger verbirgt sich hinter besagtem Begriff. Trotzdem wird der Diskurs hitzig und kontrovers geführt und immer wieder eine ablehnende Haltung eingenommen, oder Vorurteile aufgeführt, wie die oben genannte Studie belegt. Wieso eigentlich? Zum Einen, weil Inhalte hinter der Symbolkraft einzelner frauenpolitischer Figuren wie z.B. Alice Schwarzer oder Emily Davison verloren gehen. Zum anderen, weil es in der feministischen Debatte darum geht, wer welche Privilegien hat. Das ist auf allen Seiten mit Gefühlen von Angst und Bedrohung verbunden. Ganz klar: Gleichberechtigung ist kein sachliches Thema, sondern ein emotionales.




Ich habe alle Männer in meiner Messenger-Liste gefragt:




Würdest du dich als Feminist bezeichnen? Wenn ja wieso? Wenn nein, wieso nicht? Die befragten Männer waren alle Akademiker. Bei dieser nicht repräsentativen Umfrage kam es zu mehrfacher Überschneidung folgender Fragen und Bedenken:



  • Ist Gleichberechtigung nicht schon längst erreicht? Hierbei gab es mehrere Hinweise auf verschiedene Biographien, in denen Diskriminierungserfahrung keine Rolle spielten.

  • Können Männer überhaupt Feministen sein? Oder ist das nicht unpassend, merkwürdig? Außerhalb ihrer Realität?


Gleichberechtigung ist in vielen Kontexten keine Realität. Einen kühlen Kopf bewahren in der dieser aufgeheizten Debatte ist schwer, aber es lohnt sich. Es gibt kein Land in dieser Welt, in dem Frauen und Männer gleiche Rechte und zugleich gleiche Möglichkeiten haben, weder in ökonomischer, noch in sozialer Hinsicht. So sind z.B. nur 24 Prozent aller Parlamentsangehörigen weltweit Frauen (3). Wie weit die Schere ökonomisch auseinander läuft, ist nachzulesen im Global Gender Gap Report (4). Besondere Schräglage herrscht bei den Themen: Opfer von Gewaltanwendung und Zugänge zu Machtpositionen in Politik und Wirtschaft. Viele Lebensläufe von Frauen in Deutschland erzählen positive Geschichten und das ist gut so, aber das ist keine Regel und keine Selbstverständlichkeit. Frauen werden noch immer trotz gleicher Leistung geringer bezahlt, werden bei Einstellungsgesprächen trotz gesetzlichem Verbot wie sie zu Kindern stehen oder wie sie in Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen. Männer hingegen wird diese Frage nicht oder in nur vereinzelten Fällen gestellt.


Gründe: warum es sich für alle (auch Männer) lohnt Feministen zu sein


Dürfen sich überhaupt Männer Feministen nennen? Ja sie dürfen und sollen es sogar. Feminismus ist kein „Frauenkram“. Feminismus hat mit Männern jede Menge zu tun. Feminismus bedeutet gleichberechtigt und ebenbürtig auf allen Ebenen zu sein. Gleichberechtigung ist sehr viel mehr als nur ökonomische Teilhabe, denn sie bietet den Raum Menschen aus engen Rollenbildern zu befreien. Feminismus ist kein „wegnehmen“, sondern ein gemeinsames Verhandeln. Im gleichen Atemzug, in dem Frauen mehr „dürfen“, entstehen auch Freiräume für Männer.

Die Autoren und bekennenden #HeForShe Botschafter Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer haben diese Freiräume und positiven Effekte zusammengefasst (3).

Männer, die in Ländern mit höherer Geschlechtergerechtigkeit leben, sind gesünder und glücklicher, sie leiden weniger unter chronischen Stresskrankheiten. Studien legen nah, dass eine gleichberechtigte Beziehung den Mann von ökonomischem und sozialem Druck befreit. Umso besser Frauen verdienen und Zugang zu beruflichem Erfolg haben, umso weniger müssen Männer „versorgen“.

Das wiederum führt zu ganz neuen Möglichkeiten Männlichkeit zu leben und auszuagieren, außerhalb von traditionellen Rollen. Es erlaubt Feinfühligkeit und Sensibilität. Aber natürlich sind diese neuen Freiheiten auch mit Unsicherheiten verbunden. Räume und Grenzen, die einmal klar gesteckt waren, verschwimmen. Neue Diskurse entstehen und immer wieder kommt die Frage aus Grönemeyers Song „wann ist ein Mann ein Mann?“ auf (5). Und hierauf die Antwort lautet eben nicht mehr: Wenn er einen guten Job macht und Geld hat! Und das ist auch gut so.

Gleichberechtigung in der Partnerschaft und ökonomische Teilhabe der Frau bietet Männern die Möglichkeit sich in die Familie einzubringen, jenseits von Gehalt, sondern auf einer emotionalen Ebene. Sie können eine enge Verbindung zu den eigenen Kindern aufzubauen. Die australische Krankenschwester Bronnie Ware hat mit Menschen am Sterbebett darüber gesprochen, was sie gerne in ihrem Leben anders gemacht hätten. Darüber hat sie ein Buch geschrieben „The Top Five Regrets of the Dying“, übersetzt etwa „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Fast alle Männer, die sie betreute, gaben diese Antwort: „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“ (6). Denn wenn die Arbeit den größten Raum im Leben einnimmt, bleibt wenig Zeit für Beziehungen. Das wird vielen Männern am Ende ihres Lebens schmerzlich bewusst. Bei den Frauen überwog übrigens der Satz „ich wünschte, ich hätte mein eigenes Leben gelebt“ (6).

Gleichberechtigung lässt uns alle wachsen und befreit uns gleichzeitig aus engen Korsetts.Männer werden nicht länger auf ihren Beruf und Erfolg reduziert und Frauen nicht auf Sorgearbeit. So könnte eine gute Balance zwischen beidem entstehen. Natürlich geht das nicht, ohne das Privilegien neu verteilt werden. Einiges hat sich bereits verbessert im Vergleich zu 1950, beispielsweise, dass Frauen wählen dürfen. Aber ist 1950 der Maßstab?

Weiße heterosexuelle Männer haben global gesehen sehr wenig ökonomische Diskriminierung zu befürchten. Frauen haben dafür in vielen Kontexten und Räumen mehr Möglichkeiten eine breite Palette an Emotionen zeigen zu dürfen. Beide Geschlechter können dafür nichts, denn wir alle werden in unsere Strukturen hineingeboren. Was jeder wiederum frei wählen kann ist, ob er Teil des Problems oder Teil der Lösung sein will (4).

Wer wissen möchte, wie das genau geht Feminist*in zu sein. Hier gibt die Kolumnistin Margarethe Stokowski ein paar Impulse (7).

„Machen Sie nicht bei Konferenzen oder Podiumsdiskussionen mit, zu denen nur Männer eingeladen werden. Schlagen Sie Frauen vor, zitieren Sie Expertinnen. Nutzen Sie Ihre Privilegien, um gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen“

oder „Daten Sie auch Frauen, die mehr verdienen als Sie“.

Quellen:

(1) https://civey.com/

(2) https://www.dwds.de/wb/Feminismus

(3) https://www.bento.de/politik/weltfrauentag-3-gruende-warum-mann-feminist-sein-sollte-a-c226e4da-49f8-4ffd-850d-ca4759c0ad9f?fbclid=IwAR0w69x49wBBmU0Q5DqMMG_0Hz9WKLh3l9Ixc1njprNjYcjJGbEmsjSW2zQ

(4) https://www.weforum.org/reports/the-global-gender-gap-report-2018

(5) https://www.youtube.com/watch?v=UEJNMkEr1Ls

(6) https://www.medimops.de/bronnie-ware-5-dinge-die-sterbende-am-meisten-bereuen-einsichten-die-ihr-leben-veraendern-werden-taschenbuch-M03442157528.html?variant=UsedGood&creative=&sitelink=&gclid=CjwKCAjwqfDlBRBDEiwAigXUaI7GNQr8n36N56fXSXBwVcoN8R0XoiyvYZg7SCv-PRYVlLD_6m344BoC2xgQAvD_BwE

(7) https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wie-koennen-maenner-feministen-sein-kolumne-a-1263070.html

15 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen