Warum in der Verletzlichkeit unsere größte Kraft liegt

Aktualisiert: Feb 4

Eine Hommage daran Gefühle zu zeigen


Im letzten Jahr habe ich mich entschieden noch mal an die Uni zu gehen und zu studieren und das, obwohl ich nicht mehr mitte Zwanzig bin. Dafür habe ich meinen sicheren Job losgelassen. Diese Entscheidungen zu treffen war sicherlich mutig. Im Kontakt mit anderen Menschen habe ich das Thema Beruf gekonnt umschifft. Und warum? Weil ich Angst hatte. Angst vor der Tragweite meiner eigenen Entscheidung;, Angst davor, was die anderen denken und dann eventuell auch sagen. Scham, dass ich nicht von Anfang an auf der Zielgeraden war. Die Liste ist unendlich lang. Der Kapitän hatte das Schiff verlassen und es gab Seegang.

Hinter jeder Art von Mut steht Verletzlichkeit, sagt Bréné Brown. Verletzlichkeit sei „die Quelle von Kreativität und Liebe“. Sie ist Pionierin in der Forschung zu Verletzlichkeit, Scham und Authenzität. Einem breiteren Publikum wurde sie bekannt durch ihren TED-Talk „The Power of Vulnerability" ("Die Macht der Verletzlichkeit“) (1). Mittlerweile stellt sie ihren Führungskräften und PrivatklientInnen nur noch eine Frage: „Erzählen Sie mir von einer mutigen Handlung oder Entscheidung, die Sie miterlebt oder initiiert haben, die nicht ein hohes Maß an Risiko, Unsicherheit und emotionaler Bloßstellung mit sich führte (2).“ Das gibt es nicht. Maria Anna Schwarzenberg hat veröffentlichte ein Buch vor ein paar Jahren mit dem Titel „we are proud to be sensibelchen“(3). Seit 2017 ist sie auch das Gesicht hinter dem gleichnamigen Podcast, der sich mit dem Thema (Hoch)sensibilität beschäftigt. In dem Buch berichten elf AutorInnen darüber, wie sie sich erlaubt haben „feinfühlig“ zu sein und an welche besonderen Orte sie diese Feinfühligkeit gebracht hat. In der Verletzlichkeit, so das Credo, können wir unsere Bedürfnisse und Wünsche erkennen.

Wie viel in dieser Welt passiert nicht? Wie viele Gespräche finden nicht statt? Wie viele Konflikte werden nie geklärt? Wie viele Menschen finden nie zusammen, obwohl es Potenzial gäbe? Wie viele Texte und Musikstücke werden nie geschrieben? Wie viele Wege nie verlassen? Einfach weil Menschen sich nicht trauen, weil sie Angst haben etwas falsch zu machen, sich zu blamieren, jemanden zu verlieren oder nicht gut genug zu sein.

Alle Menschen sind verletzbare Wesen. Körperlich ebenso wie seelisch. Wir sind Säugetiere ohne Krallen, Tatzen oder Giftsprühmechanismus. Also machen wir es oftmals anders: Wir meiden das Risiko und Situationen, die uns aus der Komfortzone bringen. Verharren doch lieber in Altem und Vertrautem. Schweigen. Wechseln lieber das Thema, wenn es uns zu sehr angreift, berührt oder aus der Fassung bringen könnte. Wir warten lieber ab, ob nicht der andere zuerst „Ich liebe dich“ sagt. Wir melden uns einfach nicht mehr und gehen so schwierigen und ambivalenten Emotionen aus dem Weg. Wenn man bei Google das Wort „ghosting“ eintippt erscheinen 7.280.000 Ergebnisse.

Antworten in Meinem FreundInnenkreis auf die Frage: Wann hast du dich zuletzt verletzlich gefühlt? „Als ich verliebt war“, „als ich mich getrennt habe“, „als mich meine Schülerin beleidigt hat“, „als mein Chef mich in der Teamsitzung vor allen kritisiert hat“, „gestern“, „als ich gemerkt habe, dass man sich irgendwie nicht absichern kann“, „als ich meine Masterarbeit abgegeben habe und plötzlich nicht mehr Student war“.


Verletzlichkeit ist Berührbarkeit. „Verletzlichkeit beschreibt die Bereitschaft sich emotionalem Risiko auszusetzen.“ (4)


Wenn wir jemandem begegnen, ist Verletzlichkeit laut Bréné Brown das Erste, was wir unbewusst in unserem Gegenüber suchen. Und gleichzeitig das, was wir unserem Gegenüber am wenigsten offenbaren möchten. Denn das würde heißen die Hülle der vermeintlichen Unberührbarkeit und Perfektion abzustreifen. Das bewegt Menschen dazu, bestimmte Strategien und Mechanismen zu entwickeln, um sich vor den Blicken und Bewertungen anderer zu schützen. Das Ausmaß und die Beschaffenheit dieser Schutzmechanismen sagen viel über uns selbst und unsere Unsicherheit aus. Die Auswertung unzähliger Interviews zum Thema Scham und Selbstwert haben Brénè Brown auf eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse gestoßen. Menschen, die selbstbewusst sind und sich verbunden fühlen, haben etwas gemeinsam: Sie können ihre eigene Verletzlichkeit und Unvollkommenheit als Teil der eigenen Persönlichkeit annehmen, ohne diese schamhaft verbergen zu wollen (1),(2),(5).


Wie glücklich wir sind, hängt also zum großen Teil davon ab, wie gut wir mit unseren verletzlichen und vermeintlich unperfekten Anteilen umgehen. Und trotzdem tun, was wir tun wollen. Thomas Edison hat im Jahr 1879 für die Erfindung der Glühbirne angeblich um die 9500 kleine Kohlefäden ausprobiert, bis er einen fand, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. Das heißt aber auch: Er ist 9499 Male gescheitert.(6)


Eine einfache Gleichung ohne Unbekannte: Je mehr wir uns zeigen, desto mehr Reaktionen lösen wir aus. Vielleicht bekommen wir eine Backpfeife, vielleicht auch einen Kuss? Schlussendlich ist Verletzlichkeit der Schlüssel zu all unseren Gefühlen, den düsternen wie den hellen. Coach und Buchautors Veit Lindau über Mut auf seinem Instagram Account: „Der Preis für ein lebendiges Leben sind mehr Fehler. Jemand, der sich nicht bewegt, begeht nur einen Fehler. Er stirbt bevor er stirbt. Jemand der viel will und seinen Hintern weit aus dem Fenster hängen lässt, fängt mehr Sonnenschein und mehr Sturm ab (7).“

Besonders in Beziehungen spielt die Fähigkeit sich zu öffnen eine entscheidende Rolle, denn das Gesetz ist einfach: Je mehr wir uns einander zeigen, umso mehr berühren wir uns. Bréné Brown im Interview mit der SZ: „Wir brauchen uns gegenseitig. Wir sind neurobiologisch so verdrahtet, in Verbindung miteinander zu sein. Und das Fehlen von Gemeinschaft bedeutet Leiden. Jeder Mensch ist auf andere angewiesen (2).“


Einfach mal zuerst „Ich liebe dich sagen“, Konflikte austragen und versuchen daran zu wachsen, Texte schreiben, Musik komponieren, anderen sagen und zeigen, was wirklich ist, scheitern und das irgendwie okay finden. Vielleicht auch noch mal studieren. Das sind die Stellen an denen das Leben tatsächlich spannend wird. Und an denen Verletzlichkeit zu Mut wird.

Quellen:

(1) https://www.ted.com/talks/brene_brown_on_vulnerability?language=de#t-101613

(2)https://sz-magazin.sueddeutsche.de/wissen/verletzlichkeit-ist-der-schluessel-zu-allem-86367

(3) Anna Maria Schwarzberg: We are proud to be Sensibelchen.

(4) https://www.zeitzuleben.de/was-ist-eigentlich-verletzlichkeit/

(5) Brénè Brown: Daring Greatly: How the courage to be vulnerable transforms the way we live, love, parent and lead.

(6) http://www.spiegel.de/karriere/erfindungen-gelingen-nur-durch-mut-zum-scheitern-a-932332.html

(7) https://www.instagram.com/p/BruppSOH49M/



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